05 Jun

Finanzdienstleistung in Indien – Teil I

Einführung in den indischen Versicherungsmarkt

am Beispiel der Bajaj-Allianz

Allianz, BHW und Deutsche Bank glänzen mit Wachstumszahlen, von denen Austria and Old Germany noch nicht einmal zu träumen wagen. Mikro- und Makroversicherungen, Banken und Immobilienfinanzierer erobern den indischen Subkontinent. ERGO und andere Global Player stehen in den Startlöchern.
Historie im indischen Versicherungsmarkt

1956 verstaatlichte das junge Indien alle 245 privaten Lebensversicherer und monopolisierte den kompletten Lebensversicherungsmarkt durch Zusammenführung in der staatlichen Life Insurance Corporation of India (LIC). 1972 wurden 107 private Sachversicherer in vier regionale Tochtergesellschaften, der General Insurance Corporation of India (GIC) zusammengefasst. Erst mit Liberalisierung der Wirtschaftpolitik gründete man 1996 den Vorläufer der heutigen Insurance Regulatory and Development Authority (IRDA). Seit 1999 ist die erneute Lizenzvergabe an private Versicherer und Makler auf dem indischen Subkontinent möglich. Die nun auf 2009 verschobene Erhöhung der 1999 regulierten Beteiligungsgrenze von 26% auf 49% gibt regionalen Anbietern die notwendige Zeit zum Aufbau von international wettbewerbsfähigen Strukturen.

Tradition

Schon 1928 gründeten Allianz und Stuttgarter Lebensversicherungsbank eine Niederlassung in Delhi. Damals vertrieb der heutige Branchenprimus Feuer-, Transport- und Kfz-Versicherungen auch über seine zweite Dependance im damaligen Bombay. Mit der Einrichtung eines ersten Verbindungsbüros 1996 in Mumbai, knüpften die Münchener an die frühen Anfänge. Nur 11 Jahre später ist das Bajaj-Allianz Joint-Venture sowohl die Number One der privaten indischen Assekuranz, als auch Vorreiter für Unternehmen, die einen Teil des zu verteilenden Kuchens abbekommen wollen.

27% Marktanteil

Die erste Milliarde USD Bruttoprämien konnte bereits 2006 verbucht werden. Somit bewies die Wahl des strategischen Partners Bajaj, als führendem Hersteller für Skooter und Rikschas, sehr schnell die herausragende Position, durch Bedienung der Einsteigergruppe, der wachsenden Mittelschicht. Bei einem Branchenwachstum von einem Drittel stieg das Lebensversicherungs-geschäft im Vorjahr um 217 Prozent. Die Sachversicherungstochter legte um die Hälfte zu. Der Marktanteil betrug im abgelaufenen Geschäftsjahr 27%.

Der Assekuranz geht das Personal aus

Auf der allianzinternen Website sagt Sam Gosh, Landeschef der Bajaj-Allianz über sein Haus „Wir sind eine gigantische Vertreter-Fabrik“. Monatlich werden 6.500 Vertreter ausgebildet, von denen 4.500 in den Vertrieb entlassen werden. Dennoch bestätigte Gosh gegenüber FTD, dass „der Fachkräftemangel der einzige Faktor sei, der den Markt ernsthaft bremsen kann.“ So kurbeln neue Marktteilnehmer Lohnkosten an und belasten die Wettbewerbsfähigkeit. Gosh führte weiter aus, dass gute Mitarbeiter mit doppelten Gehaltsangeboten abgeworben würden. Dem Insurance Institute of India könnte eine besondere Rolle zukommen, um dem als besonders niedrig geltenden Ausbildungsniveau der indischen Versicherungsvertreter entgegenzuwirken.

Wettbewerb

Die Situation wird sich noch weiter verschärfen, wenn neben dem größten bestehenden Wettbewerber ICICI Prudential, ein Joint-Venture der US-Gruppe Fairfax, weitere in den Startlöchern befindliche Konzerne im indischen Markt ankommen. Im Frühjahr 2007 eröffnete die ERGO Gruppe (Münchener Rück) ihre erste Repräsentanz in Mumbai. Der französische AXA Konzern verkündete 2006 einen inzwischen durchgeführten Einstieg mit Bharti Airtel. Branchenkreise gehen davon aus, dass der italienische Versicherer Generali als Nächstes nach Indien drängen wird. Eine sichtbare Meßlatte des Wettbewerbs, sind die 20%ige Stornoquote und eine Mitarbeiterfluktuation von mehr als 50%.

Banking

Schon aus dem durch Bajaj-Allianz noch angeführten Kopf an Kopf Rennen mit der ICICI Bank–Prudential-Fairfax Gruppe erklärt sich, dass die Beantragung einer Banklizenz unter der Marke Allianz unausweichlich war. Meldungen zufolge bevorzugen die indischen Behörden eine bereits bestehende Banklizenz der Allianztochter Dresdner Bank. Die Dresdner Bank unterhält eine kleine Repräsentanz für Firmenkunden. Vorstandsmitglied Werner Zedelius strebt eine Neugründung an, da diese Tochter dann zu 100% in den Konzern integriert werden könnte.

Makler und unabhängige Dienstleister

Sam Gosh: „Das Maklergeschäft steckt in Indien noch in den Kinderschuhen. Es wird sicher noch einige Jahre dauern, bevor Makler auf dem indischen Versicherungsmarkt wirklich Fuß fassen können.“

Deutsch-Deutsche Vertriebsallianz

Neben Allianz und der Deutschen Bank ist die BHW aus Hameln mit 40 Niederlassungen in 15 Großstädten vertreten. Ihren Joint-Venture-Partner, der in Indien bestens bekannten Birla-Gruppe, konnte zu 100% übernommen werden. Im boomenden Immobilien- und Kreditmarkt (30% Kreditwachstum 2006) will die Birla-BHW-Gruppe mit 50-60% Steigerung pro Jahr den Markt hinter sich lassen. Für 2010 ist die erste Milliarde angepeilt. 2006 betrug das gesamte Darlehensvolumen 160 Mio. €. Mangels eigener Versicherungssparte in Indien vertreibt die indische Postbanktochter, ähnlich der deutschen Multi Channel Strategie der Konzernmutter, Bajaj-Allianzpolicen über Ihre Vertriebsmannschaften.

Prestigeträchtige 80-Cent Policen

Über Mikroversicherungsprojekte wie „Invest Gain“ oder Kooperationen mit CARE für Tsunamiopfer in Tamil-Nadu, eröffnet sich ein weiterer prestigeträchtiger Markt für die, die zur zukünftigen Mittelschicht hinzustoßen könnten – die Armen und weit abseits liegende Landbevölkerung. Basierend auf dem Gruppenprinzip sammeln regionale NGO’s und internationale Organisationen wie die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) große Gruppen, die bisher nicht von Versicherern erfasst werden konnten. Sie akkumulieren Risiken, Prüfung und Handling in Gruppenpakete von 50.000 – 70.000 Versicherten für die Privaten und staatlichen Anbieter Indiens.

Alles in allem trägt der Indische Markt mit dazu bei, dass der in der westlichen Welt bevorstehende, demographisch bedingte „Entspar-prozess“ für hiesige Unternehmen aufgefangen werden kann.

Michael Rajiv Shah für theinder.net

es folgen:

Teil II – Einführung ins indische Retailbanking am Beispiel der Deutschen Bank
Teil III – Einführung ins indische Mikroversicherungs- und Mikrokreditwesen
Teil IV – Einführung in die indische Produktwelt aus Sicht indischer Marktteilnehmer
Teil V – Einführung in Versicherungs-Notwendigkeiten beim Markteintritt von Austro-Deutschen Unternehmen

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